Stromausfall: Keine Kehrtwende bei Open Data
Anfang Januar 2026 kam es in Berlin zu einem größeren Stromausfall. Im Raum steht ein mutmaßlicher Angriff auf die Kabelinfrastruktur in Steglitz-Zehlendorf. Noch ist nicht abschließend geklärt, wie es genau dazu kam und ob öffentlich verfügbare Informationen dabei eine Rolle gespielt haben. Doch schon jetzt ist klar: Der Vorfall hat eine Debatte ausgelöst, die weit über Berlin hinausreicht.
Wie transparent darf der Staat sein, wenn Transparenz im schlimmsten Fall auch Risiken erzeugt? Verbände wie der VKU und der BDEW fordern eine Neubewertung der Transparenzpflichten, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Informationsfreiheitsrecht und Open-Data-Vorgaben. Ihr Argument: Bestimmte Informationen über kritische Infrastrukturen seien im Internet zu leicht verfügbar und könnten somit potenziell missbraucht werden. Diese Sorge ist nachvollziehbar. Niemand will Daten „auf dem Silbertablett“ bereitstellen, die Angriffe erleichtern.
Gleichzeitig gilt jedoch: Kritische Infrastruktur muss geschützt werden – ohne Frage. Energie, Wasser, Verkehr, Verwaltung und Kommunikation sind das Rückgrat einer funktionierenden Gesellschaft. Werden diese Systeme angegriffen oder lahmgelegt, betrifft das nicht nur einzelne Bezirke oder Unternehmen, sondern das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates insgesamt.
Auf der anderen Seite steht jedoch ein ebenso legitimes Anliegen: der Anspruch der Öffentlichkeit auf Informationen. Transparenz ist keine Spielerei, sondern eine tragende Säule demokratischer Kontrolle. Wer Informationen zugänglich macht, ermöglicht Nachvollziehbarkeit und schafft Vertrauen. Gerade in Krisenzeiten gilt: Menschen akzeptieren Entscheidungen eher, wenn sie verstehen, warum sie getroffen werden. In den vergangenen Jahren ist Open Data zunehmend in den Vordergrund gerückt. Auch wenn Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin eher langsam vorankommt, ist die Richtung klar: Daten sollen nutzbar sein – für Forschung, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft. Offene Informationen sind häufig die Grundlage für neue Anwendungen, bessere Dienstleistungen und effizientere Prozesse. Ohne Transparenz gibt es weniger Innovation, weniger Kontrolle und am Ende weniger Fortschritt.
Der Berliner Fall darf deshalb nicht zum Anlass genommen werden, den Open-Data-Gedanken grundsätzlich infrage zu stellen oder Transparenzregeln pauschal zurückzudrehen. Denn selbst wenn bestimmte Daten künftig stärker geschützt werden, viele Informationen sind bereits veröffentlicht, kopiert oder in unterschiedlichen Kontexten verfügbar. Eine vollständige „Rückholung” aus dem Internet ist in der Praxis kaum möglich. Was es jetzt braucht, ist keine Kehrtwende, sondern eine präzise Abwägung. Welche Daten sind wirklich sicherheitsrelevant und welche gehören weiterhin in die Öffentlichkeit?
Eine sinnvolle Strategie könnte darin bestehen, zwischen dem Schutz sensibler Infrastrukturdaten, die Angriffe erleichtern könnten, und der offensiven Bereitstellung allgemeiner Informationen, die Transparenz, Innovation und Vertrauen fördern, zu unterscheiden.
Praktisch bedeutet das: Kritische Detaildaten müssen nicht zwangsläufig offen im Netz stehen. Sie können in sicheren staatlichen oder kommunalen Systemen gespeichert und genutzt werden, die für berechtigte Stellen zugänglich sind. Dabei müssen klare Rollen, Protokollierung und Sicherheitsstandards gewährleistet sein. Gleichzeitig sollte der Staat beim Rest nicht zurückrudern, sondern Open Data konsequent ausbauen. Verwaltungsdaten, Mobilität, Umwelt, Haushalt, Bildung und Forschung sind Bereiche, in denen Offenheit einen Mehrwert schafft.
Die Lehre aus Berlin sollte deshalb nicht lauten: „Weniger Transparenz“. Sondern: bessere Transparenz: Eine Doppelstrategie, bei der Schutz dort gewährleistet wird, wo er wirklich nötig ist, und Offenheit dort praktiziert wird, wo sie Demokratie und Innovation stärkt, ist kein Widerspruch. Sie ist der Weg in eine vernetzte Zukunft, in der Sicherheit und Transparenz kein Gegensatz mehr sind. (Franz-Reinhard Habbel)