Mehr Offenheit, mehr Zusammenarbeit – und mehr Frauen!
Wer verstehen will, warum die Verwaltungsmodernisierung in Deutschland so schwierig ist, musste beim Kongress „Digitaler Staat“ des Behördenspiegels nur genau hinschauen. Kongresse spiegeln oftmals die Wirklichkeit wider – und das gilt besonders für die Digitalisierung der Verwaltung.
Es fanden mehr als 30 Fachforen statt. Die Themenvielfalt war groß und detalliert. Die hohe Spezialisierung ist unter anderem der Komplexität staatlicher Aufgaben geschuldet. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es häufig an einer ganzheitlichen Perspektive und enger Zusammenarbeit fehlt.
Deutschlands Verwaltung ist stark fragmentiert. Experten sprechen von mehr als 25.000 Verwaltungseinheiten. Mit rund 5,4 Millionen Beschäftigten ist der öffentliche Dienst einer der größten Arbeitgeber des Landes – etwa jede achte erwerbstätige Person arbeitet dort. Doch vielerorts wird noch immer an einzelnen Verfahren und Anwendungen „geschraubt”, anstatt Strukturen grundlegend zu modernisieren.
Auch der Kongress selbst machte diese Fragmentierung sichtbar. Auf drei Etagen wurden vielfältige Themen präsentiert. Dazwischen standen jedoch viele imaginäre Wände, die eher abschotten als durchlassen. Diese Parzellierung erschwert es, groß zu denken und gemeinsam zu handeln. Genau das wäre jedoch notwendig, um Deutschland und Europa wirtschaftlich und technologisch voranzubringen.
Die deutsche Verwaltung scheitert nicht an Ideen, sondern an ihrer Fragmentierung. Mehr Offenheit und Zusammenarbeit sind deshalb das Gebot der Stunde.
Wir brauchen dringend eine Defragmentierung der Strukturen, ein gemeinsames Zielbild und eine stärkere Kooperation bei der Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben. Gemeinsame Datenräume können Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in eine neue Balance bringen. Cloudcomputing, Identitätsmanagement, Plattformlösungen und der Einsatz von künstlicher Intelligenz bieten große Chancen, die Verwaltung fit für die Zukunft zu machen. Entscheidend ist, dass wir uns nicht im Klein-Klein einzelner Verfahren verlieren.
Auf dem „Digitalen Staat” fiel auf, dass viele Impulse für Veränderung von Frauen in Führungspositionen ausgingen: Mit hohem Engagement treiben sie Reformen voran, setzen auf Pragmatismus und wollen Veränderungen schneller umsetzen.
Eine bemerkenswerte Keynote hielt die estnische Ministerin für Justiz und digitale Angelegenheiten, Liisa-Ly Pakosta. Sie betonte die Bereitschaft ihres Landes, digitale Dienste sowie Erfahrungen und Erkenntnisse der Verwaltungsmodernisierung intensiv mit Deutschland und Europa zu teilen. Nur gemeinsam kann Europa im globalen Wettbewerb bestehen.
Estland zeigt seit Jahren, was möglich ist, wenn die Digitalisierung politisch konsequent gewollt ist. Bei der Gründung der Republik habe Estland viel von Deutschland gelernt und Recht sowie Verwaltungsverfahren übernommen. „Das, was wir daraus gemacht haben, möchten wir gern zurückgeben“, sagte die Ministerin.
Zugleich verwies sie auf die Europäische Union und deren Datenstrategie. Damit könne Europa eine Alternative zu den USA und asiatischen Staaten entwickeln. Verwaltungsmodernisierung muss deshalb auch europäisch gedacht werden. Europa braucht einen eigenen Datenraum, der auf einem Werteverständnis von Freiheit, Sicherheit und maßvoller Regulierung basiert. Ein vertrauenswürdiger Datenaustausch ist Europas großes Asset.
Auch andere Stimmen auf dem Kongress machten Mut. So betonte Milen Starke, Staatssekretärin im Thüringer Ministerium für Digitales und Infrastruktur, die Bedeutung einer engeren Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Verwaltung. Daniela Dylakiewicz, CIO des Freistaats Sachsen, plädierte dafür, Aufgaben stärker zu bündeln – auch auf kommunaler Ebene.
Martina Klement, CDO in der Senatskanzlei Berlin, und Maren Busch, Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Diez in Rheinland-Pfalz, zeigten, wie mit Mut und Entschlossenheit konkrete Veränderungen angestoßen werden können. Ein Forum zum Thema „Women in Deep Tech” machte zudem deutlich, mit welchem Engagement Frauen derzeit die Modernisierung von Staat und Verwaltung vorantreiben.
Der Digitale Staat hat einmal mehr gezeigt: Die Ideen für eine moderne Verwaltung sind vorhanden. Jetzt kommt es darauf an, die Kräfte zu bündeln und den Mut zur Zusammenarbeit aufzubringen. "Verwaltungsmodernisierung ist keine technische Frage. Sie ist eine Führungsaufgabe.“ (Franz-Reinhard Habbel)