Ein Haus gerät in Schieflage, wenn das Fundament nicht mehr trägt. Irgendwann wackelt es nicht nur, sondern stürzt ein. So ist es auch mit unserem Staat. Die Kommunen sind das Fundament des öffentlichen Lebens. Sie sind die Orte der Wirklichkeit. Vor Ort entscheidet sich, ob der Staat funktioniert, ob Zusammenhalt gelingt und ob die Demokratie das Vertrauen der Menschen verdient. Hier leben die Menschen, hier arbeiten die Betriebe, hier stehen Schulen, Kitas und Krankenhäuser, hier verlaufen Straßen, Wege und Plätze. Alles, was Politik am Ende sein will, muss sich in der Kommune bewähren.
Genau dieses Fundament ist jedoch in eine gefährliche Schieflage geraten. Städte, Kreise und Gemeinden sind mit mehr als 30 Milliarden Euro verschuldet. Gleichzeitig wachsen Aufgaben, Standards, Berichtspflichten und Erwartungen immer weiter. Die Konsequenz ist fatal: Die kommunale Handlungsfähigkeit schwindet. Und mit ihr schwindet die Fähigkeit des Staates, vor Ort wirksam zu sein.
Handlungsfähigkeit ist kein technischer Begriff. Sie entscheidet darüber, ob eine Kommune noch investieren, planen, Personal gewinnen, Infrastruktur erhalten, Krisen bewältigen und Leistungen verlässlich erbringen kann. Wer den Kommunen diese Handlungsfähigkeit nimmt, schwächt nicht nur Rathäuser und Landratsämter. Er schwächt den Staat in seinem Kern.
Und doch erleben wir seit Jahren dasselbe politische Ritual: Alle sehen die Überforderung, alle kennen die Ursachen, aber niemand greift das System wirklich an. Stattdessen wird verwaltet, vertagt und beschwichtigt. „Das haben wir immer geschafft“, heißt es dann. Oder: „Da müssen wir jetzt durch.“ Doch das reicht nicht mehr. Denn jedes System erreicht irgendwann einen Punkt, an dem es nicht mehr durch kleine Korrekturen stabilisiert werden kann. Wir haben diesen Punkt erreicht.
Deshalb braucht dieses Land endlich eine neue politische Erzählung. Ihre beiden Schlüsselwörter lauten: Kommunen und Handlungsfähigkeit. Und diese Erzählung darf nicht nur in Sonntagsreden vorkommen. Sie muss zur Leitlinie politischen Handelns werden.
Bund und Länder müssen den Reformstau endlich auflösen, jedes Reformpaket braucht einen klaren kommunalen Realitätscheck. Sie müssen Vorschriften abbauen, Standards überprüfen, Zuständigkeiten neu ordnen und die kommunale Ebene finanziell so ausstatten, dass sie ihre Aufgaben tatsächlich erfüllen kann. Wer den Kommunen immer neue Pflichten überträgt, ohne für eine verlässliche Finanzierung zu sorgen, betreibt organisierte politische Selbsttäuschung. Verantwortung ohne Mittel ist keine Stärke des Staates, sondern ein Strukturfehler. Vorab stellt sich die Frage, ob neue Aufgaben auch wirklich notwendig sind. Viel wichtiger ist es, vorhandene Doppelstrukturen abzubauen.
Dabei geht es nicht um blinden Rückbau oder populistische Zerstörungslust. Weder Motorsäge noch Nagelschere sind das richtige Werkzeug. Aber eine solide Heckenschere ist sehr wohl nötig, um das Dickicht aus Regeln, Vorgaben, Zuständigkeiten und Misstrauen endlich zurückzuschneiden. Der Staat ist nicht deshalb stark, weil er alles bis ins Kleinste regelt. Er ist stark, wenn er Prioritäten setzt, Verantwortung ermöglicht und vor Ort Lösungen zulässt.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch die andere Seite. Kommunen dürfen sich nicht darauf beschränken, immer nur nach Bund und Ländern zu rufen. Dieses Ritual ist bequem, aber es führt nicht weiter. Auch die kommunale Ebene selbst muss sich bewegen. Die eigentliche Transformation ist nicht nur digital, sondern auch kulturell. Neue Technik allein verändert gar nichts, wenn Führung, Zusammenarbeit und Verantwortungsbereitschaft in alten Mustern verharren.
Viele Verwaltungsstrukturen stammen aus einer Zeit, in der Aufgaben überschaubarer, Abläufe langsamer und Veränderungen berechenbarer waren. Diese Zeit ist vorbei. Die Herausforderungen von heute heißen Digitalisierung, Fachkräftemangel, Krisenfestigkeit, Tempo und Komplexität. Dafür sind viele Strukturen, Verfahren und Zuständigkeiten nicht ausgelegt. Wer darauf keine Antwort gibt, verwaltet den Stillstand.
Deshalb müssen auch Kommunen bereit sein, Aufgaben zu bündeln, Standards gemeinsam umzusetzen, Leistungen dort zu zentralisieren, wo es sinnvoll ist, und Verantwortung neu zu organisieren. Interkommunale Zusammenarbeit, gemeinsame Serviceeinheiten und neue Führungsmodelle sind keine technokratischen Nebenfragen. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass kommunale Selbstverwaltung unter heutigen Bedingungen zukunftsfähig bleibt. Das Projekt „Zentrale Serviceangebote für starke Kommunen (ZSA)” in Sachsen-Anhalt zeigt, in welche Richtung es gehen kann: weg vom Kirchturmdenken, hin zu gemeinsamer Stärke.
Am Ende geht es um weit mehr als nur Verwaltungsmodernisierung. Es geht um die politische Stabilität unseres Landes. Wenn Kommunen nicht mehr gestalten können, verliert der Staat vor Ort seine Wirksamkeit. Und wo staatliche Wirksamkeit schwindet, wächst das Misstrauen. Nicht abstrakt, sondern ganz konkret gegenüber Institutionen, Politik und Demokratie.
Die neue Erzählung beginnt deshalb weder in Talkshows noch in Koalitionspapieren. Sie beginnt dort, wo Menschen erleben, ob der Staat funktioniert: in den Städten, Kreisen und Gemeinden. Wer den Staat stärken will, muss die Kommunen stärken. Wer die Demokratie stärken will, muss die kommunale Handlungsfähigkeit sichern. Nur wenn wir heute aufhören, das Offensichtliche weiter zu vertagen, wird morgen alles anders. (Franz-Reinhard Habbel)