Token sind das neue Öl
Eine zunächst technische Frage wird für die Verwaltung bald haushaltspolitisch relevant. Werden wir künftig neben den Personalkosten auch die Betriebskosten für KI so selbstverständlich planen wie die Kosten für Strom, Softwarelizenzen oder Cloudspeicher? Tokens sind die kleinste Nutzungseinheit, in der viele Anbieter großer Sprachmodelle Texteingaben und Antworten messen und abrechnen. Sie stellen zwar nicht die Rechenleistung selbst dar, sind aber der Zähler, an dem ihr Verbrauch sichtbar wird.
Die alte Industriegesellschaft ist vom Öl abhängig. Der Iran-Konflikt und die Störungen in der Straße von Hormus zeigen, wie verletzlich Volkswirtschaften bleiben, wenn zentrale Lieferwege unsicher werden. Öl ist Energiequelle, Transportmittel und Grundstoff zahlreicher Produktionsketten. Wenn die Lieferungen stocken oder die Preise steigen, geraten Unternehmen und Politik unter Druck.
In der digitalen Wirtschaft entsteht eine vergleichbare Abhängigkeit – nicht vom Öl als Rohstoff, sondern von Rechenleistung, Modellen, Daten, Chips und Energie. KI-Anwendungen benötigen Rechenzentren, Strom, Netze und spezialisierte Hardware. Die Nachfrage wächst so stark, dass weltweit Milliarden in die KI-Infrastruktur fließen. Für die Nutzer:innen wird diese Infrastruktur über Tokens, Nutzungslimits, API-Aufrufe oder Kapazitätsverträge sichtbar.
Damit endet die Illusion, KI sei vor allem eine Flatrate. Bereits im Jahr 2025 führte Anthropic wöchentliche Nutzungslimits für bestimmte Claude-Tarife ein. Auch andere Anbieter unterscheiden zwischen zwischen Standard-, Batch- und Prioritätsverarbeitung. Je stärker Verwaltungen KI nicht nur ausprobieren, sondern in Fachverfahren, Bürgerkommunikation, Wissensmanagement oder Dokumentenprüfung einsetzen, desto relevanter werden diese variablen Betriebskosten.
Für Kommunen bedeutet dies, dass KI nicht nur in Innovationsprojekten, sondern auch in der mittelfristigen Finanzplanung berücksichtigt werden muss. Künftig werden Haushalte Positionen für den KI-Betrieb, Modellzugänge, Datenmanagement, Sicherheit, Schulung und Qualitätssicherung benötigen. Dabei geht es nicht darum, Menschen durch Tokens zu ersetzen. Es geht vielmehr darum, Arbeit anders zu organisieren, knappe Personalressourcen zu entlasten und die digitale Leistungsfähigkeit verlässlich zu finanzieren.
Wer KI nutzt, muss deshalb auch die KI-Kosten steuern können. Welche Aufgaben rechtfertigen leistungsstarke Modelle? Wo reichen kleinere Modelle? Welche Daten dürfen verarbeitet werden? Wie lassen sich Kosten, Datenschutz, Nachvollziehbarkeit und menschliche Verantwortung kontrollieren? Die neue Haushaltsfrage lautet also nicht: „Mensch oder Maschine?” Sie lautet: Wie planen wir eine Verwaltung, in der Personal, Daten, Rechenleistung und KI-Nutzung gemeinsam gesteuert werden? Tokens sind dabei vielleicht nicht das neue Öl. Sie sind jedoch ein Frühindikator dafür, dass KI in der Verwaltung vom Experiment zur Infrastruktur wird (Franz-Reinhard Habbel)