Rumäniens Grundbuch-Hack – eine Warnung auch für Deutschland
Stellen Sie sich vor, in Deutschland wären plötzlich keine Grundbucheintragungen mehr möglich. Grundstücksverkäufe könnten nicht mehr beurkundet werden. Eigentumsnachweise wären nicht abrufbar. Der Immobilienmarkt käme praktisch zum Stillstand. Ein Szenario, das wie ein technischer Albtraum klingt, ist in diesen Tagen in Rumänien Realität geworden.
Nach einem schweren Cyberangriff konnten Bürgerinnen und Bürger, Notare sowie Behörden zeitweise nicht mehr auf die Online-Anwendungen der nationalen Kataster- und Grundbuchbehörde (ANCPI) zugreifen. Grundbucheinträge konnten weder vorgenommen noch abgerufen werden. Die Behörde sprach vom schwersten technischen Vorfall ihrer Geschichte. Laut eigenen Angaben wurden die Datenbestände zwar nicht zerstört und sollen aus vorhandenen Sicherungskopien wiederhergestellt werden. Dennoch zeigt der Vorfall eindrucksvoll, wie verletzlich kritische staatliche Infrastrukturen im digitalen Zeitalter sind.
Und Deutschland? Hier werden die Grundbücher von den Ländern geführt. In der Regel sind die Amtsgerichte zuständig. Ein bundesweites zentrales Grundbuchregister existiert nicht. Diese föderale Struktur bietet einen gewissen Schutz, da ein einzelner Angriff nicht das gesamte deutsche Grundbuchwesen lahmlegen könnte. Gleichzeitig ist die Digitalisierung der Grundbuchführung je nach Bundesland unterschiedlich weit fortgeschritten.
Die Ereignisse in Rumänien sollten jedoch nicht dazu verleiten, jede Form der Zentralisierung grundsätzlich infrage zu stellen. Entscheidend ist nicht, ob Daten zentral oder dezentral gespeichert werden. Entscheidend ist ihre Resilienz. Moderne digitale Infrastrukturen müssen so aufgebaut sein, dass sie auch nach schweren Cyberangriffen funktionsfähig bleiben oder schnell wiederhergestellt werden können.
Estland gilt in diesem Bereich seit Jahren als Vorbild. Das Land betreibt sogenannte „digitale Botschaften“, in denen staatliche Datenbestände außerhalb des eigenen Staatsgebiets redundant gesichert werden. Im Krisenfall können Verwaltung und Regierung ihre Arbeit nahezu ohne Unterbrechung fortsetzen. Auch die Ukraine hat während des Krieges wesentliche staatliche Datenbestände in internationale Cloud-Infrastrukturen ausgelagert und damit ihre digitale Handlungsfähigkeit gesichert.
Die Zukunft föderaler Staaten liegt deshalb weder in einer vollständigen Zentralisierung noch in einer unverbundenen Dezentralität. Gefragt ist eine resiliente Architektur mit dezentraler Datenhaltung, gemeinsamen Standards, redundanten Sicherungssystemen und leistungsfähigen, miteinander vernetzten Plattformen. Digitalisierung und Cybersicherheit müssen von Anfang an gemeinsam gedacht werden. Die Zukunft liegt in der „dezentralen Zentralität”.
Der Cyberangriff auf das rumänische Grundbuch ist deshalb keine Warnung vor der Digitalisierung. Er ist eine Warnung davor, Digitalisierung ohne ausreichende Resilienz zu betreiben. Deutschland sollte die richtigen Konsequenzen daraus ziehen, indem es die Digitalisierung nicht bremst, sondern sie sicherer, robuster und intelligenter gestaltet. (Franz-Reinhard Habbel)