Für 35.550 Berliner Kinder beginnt an diesem Montag der erste Schultag. Sie würden knapp die Hälfte des Berliner Olympiastadions füllen. Bundesweit dürften in diesem Jahr wiederum rund 800.000 Kinder eingeschult werden. Im vergangenen Schuljahr waren es etwa 811 500, doch die Zahl geht zurück – vor allem, weil in Deutschland weniger Kinder geboren werden.
Wer heute mit Schultüte und Ranzen das Klassenzimmer betritt, wird Mitte der 2030er-Jahre vor ganz anderen Fragen stehen. Ausbildung oder Studium? Welcher Beruf? Und wird es diesen Beruf, so wie wir ihn heute kennen, überhaupt noch geben? Welche Wege stehen der Generation AI offen?
Mit jedem neuen Schülerjahrgang investiert Deutschland rund neun Milliarden Unterrichtsstunden in die Bildung von etwa 800.000 jungen Menschen. Eine gewaltige gesellschaftliche Investition. Doch worauf bereiten wir diese Kinder eigentlich vor?
Wir wissen nicht, wie die Welt im Jahr 2035 aussehen wird. Sicher ist nur, dass sie eine andere sein wird. Künstliche Intelligenz wird die Arbeitswelt und das Lernen verändern. Der demografische Wandel wird den Arbeitsmarkt prägen. Der Klimawandel wird Anpassungen erzwingen. Migration und gesellschaftlicher Zusammenhalt werden uns ebenfalls weiterhin beschäftigen. Und auch die geopolitische Ordnung dürfte eine andere sein.
Welche Arbeitswelt werden die heutigen Erstklässler vorfinden? Welche Tätigkeiten werden Menschen und welche Maschinen bzw. KI-Systeme übernehmen? Werden Staat und öffentliche Verwaltung bis dahin leistungsfähiger und digitaler sein? Wird Europa technologisch und politisch souveräner sein? Und werden unsere demokratischen Institutionen das Vertrauen der nächsten Generation besitzen?
Niemand kann diese Fragen heute zuverlässig beantworten. Genau darin liegt aber eine zentrale Aufgabe von Schule. Je ungewisser die Zukunft ist, desto wichtiger ist es, Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln. Sie müssen lernen, mit Veränderungen umzugehen. Dazu gehören Neugier und Urteilskraft, Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein, Medien- und KI-Kompetenz sowie die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen Lösungen zu entwickeln.
Schule kann deshalb nicht nur auf die Welt vorbereiten, wie sie heute ist. Sie muss junge Menschen befähigen, eine Welt mitzugestalten, die wir selbst noch nicht kennen.
Der Schulstart von rund 800.000 Kindern ist somit mehr als nur ein Familienereignis. Er erinnert Politik und Gesellschaft auch an ihren Gestaltungsauftrag. Entscheidend ist nicht allein, wie viele Milliarden Unterrichtsstunden wir investieren. Entscheidend ist, was wir daraus machen.
Wir können den Kindern nicht versprechen, wie die Welt im Jahr 2035 aussehen wird. Wir können ihnen jedoch das Wissen, die Fähigkeiten und das Vertrauen mitgeben, um sich in ihr zurechtzufinden und sie selbst zu gestalten. Und wir können heute daran arbeiten, dass sie dann auf ein leistungsfähiges Gemeinwesen, eine innovative Wirtschaft und eine handlungsfähige Demokratie treffen.
Am Montag beginnen die Kinder mit der Schule. Unsere Hausaufgaben beginnen heute (Franz-Reinhard Habbel)